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SWAANTJE GÜNTZEL



DIE KÜNSTLERIN SWAANTJE GÜNTZEL BESCHÄFTIGT SICH IN IHREN ARBEITEN MIT ÖKOLOGISCHEN KRISEN. DABEI BETRACHTET SIE DIESES THEMA NICHT NUR AUS DEM BLICKWINKEL DER WISSENSCHAFT SONDERN BESCHÄFTIGT SICH AUF VIELSCHICHTIGE WEISE MIT DEN VERSCHIEDENSTEN FRAGESTELLUNGEN, DIE IN DIESEM ZUSAMMENHANG ENTSTEHEN. DAZU GEHÖREN UNTER ANDEREM DIE FRAGE NACH DER REZEPTION VERMEINTLICH KRITISCHER KUNST SOWIE DIE REAKTION DES PUBLIKUMS DARAUF ODER DIE DISKREPANZ ZWISCHEN DEM SELBSTBILD DES MENSCHEN IM UMGANG MIT DER NATUR UND DER EIGENTLICHEN REALITÄT DES HANDELNS.


SWAANTJE GÜNTZEL STUDIERTE ETHNOLOGIE IN BONN UND ARBEITETE ZUNÄCHST IN DER KULTURABTEILUNG DES GOETHE INSTITUTS IN LA PAZ, BOLIVIEN. NACH IHRER RÜCKKEHR STUDIERTE SIE AN DER HBFK HAMBURG UND ARBEITETE ALS ASSISTENZ VON ANDREAS SLOMINSKI.

Liebe Swaantje, das Thema deiner Arbeiten sind ökologische Krisen. Von Menschen gemachte ökologische Krisen. Du beschäftigst dich aber nicht nur inhaltlich intensiv mit dieser Thematik, sondern auch mit der daraus resultierenden Rezeption. Wie ist es dazu gekommen?


Ausschlaggebend waren vor allem die Reaktionen des Publikums. Ich musste sehr stark und überraschend am eigenen Leib erfahren, was es heißt, wenn du als Künstlerin Themen in deinem Werk bearbeitest mit denen sich eigentlich keiner auseinandersetzen will. Die meisten Menschen würden wahrscheinlich behaupten, dass es total wichtig ist, dass Kunst auch politisch ist. Aber sobald die künstlerische Auseinandersetzung mit einem politischen Thema, in das alltägliche Leben der Menschen eindringt, d.h. ihnen abverlangt eine „richtige“ Haltung einzunehmen - was dann in meinem Fall eine Änderung des Lifestyles bedeutet - weil es unerlässlich ist, dann kommt es zu einem ganz anderen Spannungsverhältnis. Diese Reaktionen und Spannungen kann ich nicht außen vorlassen, sondern muss sie miteinbeziehen. Und dann kulminiert dies manchmal auch in einer Ausstellung, wie im April diesen Jahres in meiner Hamburger Galerie, die sich „Können Sie nicht mal was Schönes machen?“ nennt. Eine Frage übrigens, die ich sehr häufig gestellt bekomme.


In der Rezeption deiner Arbeiten spiegelt sich ja auch der Umgang der Gesellschaft generell mit dieser Thematik - also dem Umgang mit Klimawandel, Umweltzerstörung, Nachhaltigkeit etc. - wieder. Und gleichzeitig auch der Umgang mit KünstlerInnen und ihrer Kunst, die sich diesem Thema auseinandersetzen …


Absolut! Wir bewegen uns in einem Raum, in welchem komplett klar ist, dass an jedem, der sich mit dieser Thematik beschäftigt auch etwas Unangenehmes haftet. Dazu kommt der problematische Diskurs, was man dem Publikum zumuten darf, wie dystopisch man sein kann und ob man Dinge beim Namen nennen sollte. Die größte Angst war und ist, das Publikum oder generell die Menschen zu verschrecken. Mit dieser Angst hat man eine Rechtfertigung dafür geschaffen, dass die Menschen sich auch nicht mit diesen Inhalten auseinandersetzen müssen oder sich diesen Themen mit bestem Gewissen schnell entziehen können, sobald es ein wenig unangenehm wird. Und genau dies habe ich in den letzten Jahren eben auch sehr intensiv an meinem Kunstschaffen beziehungsweise der Reaktion darauf erlebt. Die Rechtfertigung, meiner Kunst eine negative Abwehr entgegenzubringen - berechtigt oder unberechtigt - war und ist teilweise so salonfähig, dass sich eine ganz merkwürdige undifferenzierte schwarz-weiß Sicht des Publikums entwickelt hat. Ich habe sehr oft vermisst, dass die Menschen sich überhaupt mit der Kunst auseinandersetzen. Es geht immer nur darum die Abwehr zu benennen und zu erklären warum man sich mit diesen Themen jetzt nicht beschäftigen möchte. Es ging nie darum, wie ich eigentlich künstlerisch diese Themen verarbeite oder was das jetzt für die Kunst heißt, dass eben solche Themen stärker in den Fokus genommen werden. Es ging immer nur um das persönliche Empfinden: „Mir ist das zu unangenehm!“, „Es ist doch kurz vor Weihnachten, wie können sie mir das antun?“, „Da kann man doch nicht mit Kindern hingehen!“, „Sie sehen das doch alles viel zu schwarz!“. Dazu kam eine permanente Unterstellung, mein primäres Ziel wäre, das Verhalten der Menschen ändern zu wollen. Dabei ging es mir in erster Linie um ein spiegeln der Realität. Was man dann im nächsten Schritt macht, ist dann nochmal ein ganz anderes Kapitel. Erstmal geht es darum was die Kunst kann oder was die Kunst mitteilt. Der nächste Schritt ist dann, was die Kunst unter Umständen in einem auslöst, ob man seine eigene Realität reflektiert oder gegebenenfalls nochmal ändert. Aber irgendwie ging es immer nur um Automatismen. Die Einstellung des Publikums „Ich darf mich darüber aufregen also rege ich mich auch darüber auf“ war immer vertreten. Das hat mir am Anfang ganz schön zu schaffen gemacht.


Aber du hast nicht aufgegeben, sondern weitergemacht …


Am Anfang konnte ich gar nicht einordnen wie ich damit jetzt am besten umgehe. Die Reaktionen haben mich auch persönlich sehr getroffen. Inzwischen kann ich das sehr viel besser für mich abstrahieren. Da sich der Kunstbetrieb in den letzten zwei bis drei Jahren auch verstärkt diesen Themen geöffnet hat, ist die Situation auch im Allgemeinen etwas besser geworden. In meinen Augen hat er das aber viel zu spät gemacht. So lächerlich spät, das ist fast nicht mehr auszuhalten.

"DIE NÄHE ZUR WISSENSCHAFT ERMÖGLICHT MIR IN EINER ANGEMESSENEN REAKTIONSZEIT AUF THEMEN ZU REAGIEREN UND NICHT DARAUF WARTEN ZU MÜSSEN, DASS DIE KUNST VIELLEICHT 10 JAHRE SPÄTER SOWEIT IST, SICH MIT EINEM THEMA WIE NACHHALTIGKEIT ZU BEFASSEN."

Welche Vor- und Nachteile siehst du in der Umsetzung der Themen Umweltschutz, Klimawandel und Nachhaltigkeit im Kunstbetrieb?


Problematisch ist, dass sich der Kunstbetrieb mehr damit zu beschäftigen scheint, wie man Nachhaltigkeit technisch umsetzen kann. Wichtiger wäre es, sich die Frage zu stellen, warum man sich so lange so schwer getan hat, Kunst, die sich mit diesen Themen beschäftigt in die Häuser zu bringen. Aber der Kunstbetrieb ist auch nicht grade bekannt dafür sich in Echtzeit angemessen zu aktuellen Themen zu verhalten, siehe Sexismus und Rassismus. Das ist einer der Gründe warum ich am Anfang intuitiv mehr die Nähe zur Wissenschaft gesucht und warum ich die Entwicklung meiner Kunst so stark an die Wissenschaft angedockt habe. Denn Wissenschaft bildet Erkenntnisse in Echtzeit ab. Die Nähe zur Wissenschaft ermöglicht mir in einer angemessenen Reaktionszeit auf Themen zu reagieren und nicht darauf warten zu müssen, dass die Kunst vielleicht 10 Jahre später soweit ist, sich mit einem Thema wie Nachhaltigkeit zu befassen. Ich finde aber auch die Drehung so witzig, dass sich auch die Künstler*innen überlegen müssen wie sie am nachhaltigsten produzieren, als ob das jetzt die Antwort und die Frage auf das Problem ist. Denn das ist nicht das Problem.


Du arbeitest auch eng mit der Wissenschaft zusammen …


Ich arbeite unter anderem mit Forschern zusammen, die sich mit dem Schutz eines bestimmten Atolls im Pazifik, welches einer der wichtigsten Nist- und Brutplätze für Albatrosse und Seevögel in der Region ist, befassen. Unsere Zusammenarbeit geht Hand in Hand: Ich profitiere davon, dass die Forscher*innen mir Dinge erklären und mich an ihren Studien teilhaben lassen und mir Objekte zur Verfügung stellen, die sie in verendeten Albatrossen finden. Inzwischen haben wir ein so gutes Verhältnis, dass ich fast schon "Bestellungen" aufgeben kann und mir die Objekte dann geschickt werden. Der Verkaufserlös meiner Arbeiten, die ich mit Hilfe der Forscher*innen herstelle, geht zur Hälfte direkt an sie zurück und wird zur Aufrechterhaltung und Wiederherstellung des Atolls genutzt.
Teilweise bekomme ich komplette Magenladungen von Albatrossen geschickt - auch von Küken. Einmal war es ein Beutel voll mit 340 Gramm Plastik aus dem Magen eines Kükens was noch lange nicht ausgewachsen war. So eine Magenladung ist quasi ein Abbild unseres Konsumverhaltens und unseres Lifestyles. Interessanterweise ist vieles was verschluckt wird sehr aktuell. Was ich sehr interessant finde ist, dass es alles Dinge sind die eine ganz kurze Lebensdauer haben und einen Lebensstil abbilden der auf Kurzlebigkeit und Bequemlichkeit angelegt und einfach nicht sehr vorausschauend ist, wie Schraubverschlüsse von PET-Flaschen, Einwegfeuerzeuge etc. Also alles Dinge, die billig produziert werden - von denen man ausgeht, dass sie nicht lange bei einem bleiben, weil die Nutzungsdauer und der Nutzungseinsatz sowieso begrenzt sind. Bei diesen Gegenständen gibt es kein ganzheitliches Konzept, was mit ihnen passieren soll, wenn man sie nicht mehr braucht.

"MIR IST EINFACH NICHT EINGEFALLEN, WIE ICH SCHÖNE KUNST MACHEN KANN. MIR IST NUR EINGEFALLEN, WIE ICH AUF DIESE ART DER REZEPTION IN MEINE ART REAGIEREN KANN UND DAS HABE ICH DANN AUCH GEMACHT."

Was sagst du denn zum Kunstmarkt? Denn der Kunstmarkt ist ja schon ein unnachhaltiges Konstrukt, allein schon dadurch, dass es ja vornehmlich um Konsum geht.


Ich glaube, da muss man sich verschiedene Punkte anschauen. Zum einen ist Kunst, die sich mit Themen wie Nachhaltigkeit und Umweltzerstörung beschäftigt schwer verkäuflich. Und du wirst auch auf großen Messen relativ wenig Kunst zu diesen Themen finden. Das wird sich jetzt wahrscheinlich ändern, da es eben so ein Trendthema geworden ist. Daneben habe ich die Erfahrung gemacht, dass selbst wenn Menschen reflektierter sind und diese Kunst auch für wichtig halten, kaufen sie sie dennoch seltener. Und dann gibt es natürlich auch noch die Menschen, die dem Wunsch erliegen, dass Kunst einfach nur schön sein soll und sie auch nach diesen Kriterien auswählen. Daneben gibt es die Sammler, die Kunst nur nach einer Marktlogik erwerben oder, ob ihnen spontan etwas gefällt. Und dann musst du noch die ökonomische Realität betrachten, denn welcher Galerist würde unbedingt die Künstlerin, die sich mit solchen „unangenehmen“ Themen beschäftigt mit auf seinen super teuren Messestand nehmen, die dazu sowieso von Anfang an schwer verkäuflich ist. Ich glaube Messen spiegeln wirklich im seltensten Fall gesellschaftliche, politische Diskurse wieder, da diese Kriterien zu stark sind. Und eine Messe ist natürlich im seltensten Fall wirklich nachhaltig, vor allem bezogen auf die Rahmenbedingungen: Was sind das für Gebäude? Wie wird die Kunst transportiert? Wieviele Leute reisen zu solchen Veranstaltungen? Und dann haben wir natürlich noch mit der Frage zu tun, wie nachhaltig die Kunst eigentlich produziert ist? Leider wird diese oft so gestellt, als ob die Verantwortung vor allem bei den Künstler*innen liegt statt zu fragen welche Verantwortung wir alle kollektiv tragen. Das geht uns ja alle an und muss gemeinschaftlich gedacht werden und kann nicht nur von der Kunst gelöst werden, auch wenn diese oft ein Impulsgeber ist.


Die Produzenten sollen es dann quasi richten …


Letztes Jahr gab es zwei große Ausstellungen, die sich diesem Thema gewidmet haben. Die eine war Zero Waste (im Museum der bildenden Künste Leipzig vom 25.06. - 08.11.2020) - an der ich auch teilgenommen habe. Das Konzept der Ausstellung war total spannend, da sich die beiden Kuratorinnen genau überlegt haben, wie man eine ganze Ausstellung anders - eben ökologisch nachhaltig - denken kann. Das geschah auf ganz verschiedenen Ebenen, zum Beispiel wie man das ganze Ausstellungslayout so Ressourcen schonend wie möglich gestalten kann. Unter anderem wurden alle Informationen zu den Künstler*innen und zum Ausstellungsrundgang auf große Wabenkartons gedruckt, die das Museum sowieso innerhalb des Lagers benutzt. Es wurde nichts an die Wände geklebt oder gestrichen, sondern nur diese Kartons verwendet, die dann nach der Ausstellung eins zu eins in das Lager zur Weiternutzung gewandert sind. Der Katalog wurde klimaneutral produziert. Und alle Arbeiten wurden dahingehend überprüft - natürlich in Absprache mit den Künstler*innen - wie man Transportmöglichkeiten einsparen kann. Dies basierte auf Freiwilligkeit der Künstler*innen, niemand wurde dazu gezwungen. So hat man zum Beispiel auf den Transport riesengroßer Installationen verzichtet und hat stattdessen Videos von diesen gezeigt. Ich habe meine Arbeit „Hermaphrodit“ präsentiert, eine Art Tisch-Stuhl-Besteck-Situation. Das Mobiliar und Gedeck konnte ich mir vor Ort zusammensuchen und ausleihen. Ich musste also nur die gefaltete Tischdecke verschicken.

Schade war, dass die Kuratorinnen und wir Künstler*innen uns eben im Nachhinein die Frage stellen lassen mussten, ob man überhaupt noch Kunst ausstellen sollte, um einen nachhaltigen Kunstbetrieb zu gewährleisten. Das ist der absolut falsche Umkehrschluss. Denn das hieße, dass man sich überhaupt nicht mehr der Frage aussetzt wie kann man Abläufe so konstruktiv verändern kann, dass es eben auf eine gute Lösung hinausläuft.


Die Menschen labeln sich gerne mit dem was grade gesellschaftskritisch trendy ist. Das war Umweltschutz anscheinend lange nicht - inzwischen schon. Du behandelst das Thema schon sehr viel länger, obwohl es ja auch sehr oft unangenehme Situationen gab.


Und es war auch ökonomisch sehr schwierig. Ich hatte immer wieder Tiefpunkte an denen die Abwehr meiner Kunst gegenüber so groß war, dass damit automatisch einher ging, dass ich schwer verkäuflich bin. Und natürlich habe ich mich auch immer wieder gefragt, ob es das Risiko weiterhin wert ist. Vor allem, wenn dann dieser Vorwurf kam, „Können Sie nicht mal was Schönes machen?“. Ich habe mich gefragt, kann ich überhaupt schöne Kunst? Und, was ist das überhaupt? Mir ist einfach nicht eingefallen, wie ich schöne Kunst machen kann. Mir ist nur eingefallen, wie ich auf diese Art der Rezeption in meine Art reagieren kann und das habe ich dann auch gemacht. Ich habe vor ein paar Jahren eine Reihe entwickelt die hieß eat this. Auf einer alten Schreibmaschine habe ich ganz profane Worte getippt, wie zum Beispiel Sonnenuntergang oder röhrender Hirsch, Berge, Tannen. Hierbei beschäftigte mich die Frage, was die Leute denn schön finden. Und wie ich das ganz banal auf den Punkt bringen und diesen Ball zynisch zurückspielen kann. Ich habe dann weiter abstrahiert und das Papier mit Worten und Phrasen wie Ikeaprint oder My interior decorator told me to buy this oder Bild, das zum Sofa passt beschriftet. Von diesen Blättern habe ich immer hundert Exemplare gedruckt und ironischerweise sind mir diese Blätter aus der Hand gerissen worden. Total absurd - ich mache hier anklagende und entlarvende Kunst und die wird dann plötzlich von den Leuten gekauft.

Vor zwei Jahren habe ich mit der Serie Können sie nicht mal was Schönes machen? begonnen. Dafür habe ich Bilder von vermeintlich verstörenden Themen genutzt, z.B. Bilder, die durch sauren Regen zerstörte Wälder zeigen oder Waldbrände in Kalifornien. Diese habe ich als Fine Art Prints mit breitem weißen Rand drucken lassen. Und im Anschluss diese Prints mit banalen Aufklebern, z.B. von Einhörnern - was ja so als schön empfunden wird - geklebt. Über diesen Weg habe ich versucht, durch das „Schöne“ das vermeintlich Verstörende aufzuheben. Gleichzeitig sollten die Arbeiten auch entlarvend sein. Das ist praktisch meine Art damit umzugehen. Ich kann nicht einfach nur „schöne“ Arbeiten machen, sondern mein Weg führt eher über eine entlarvende, reflektierende Vorgehensweise, Dinge vermeintlich schön zu gestalten, die aber nicht schön sind. Wobei es dann aber auch nur um diese Ebene der Rezeption geht.


Häufig werden mit Schönheit und Ästhetik zwei Begriffe miteinander gleichgesetzt, die sich aber durchaus auch widersprechen können …


Genau! Die genutzten Aufkleber sind wahnsinnig trivial in ihrer Bedeutung und zeigen gleichzeitig welche Vorstellung von Schönheit wir teilweise haben. Gleichzeitig machen sie deutlich, hinter welche Form von Banalität wir uns als Schutzraum flüchten, um uns nicht mit bestimmten Themen beschäftigen zu müssen.


Arbeiten Künstlerinnen und Künstler anders mit der Thematik Ökologische Krise?


Die Künstler oder die Künstlerinnen, die mir jetzt bekannt sind und die sich mit ökologischen Themen beschäftigen, machen dies sehr oft in einer abgeschwächten Form. Als Beispiel kann man vielleicht Olafur Eliason nennen, der zwar stark kommuniziert aber auf eine sehr poetische, leicht zugängliche Art.


Ich finde immer, wenn man so ein etabliertes Standing hat, dann kann man doch erst recht kritischer an ein so relevantes Thema herangehen …


Die Arbeit mit dem eingeflogenen Eis fand ich schon gut. Auch wenn es in der Rezeption, dann nur noch um das Einfliegen des Eises ging. Damit möchte ich nicht sagen, dass Kunst einen Freifahrtschein hat und machen kann was sie will. Natürlich sollte die künstlerische Arbeit auch konzeptuell reflektiert werden. Manchmal werden aber die falschen Schlüsse aus den Werken und ihren Konzepten gezogen. Ich glaube, dass Olafur Eliasson bei besagter Arbeit - die auch eine seiner stärksten Arbeiten ist, die das Thema Klima betrifft - falsch aufgenommen wurde. Aber ich habe auch Bedenken, dass wenn ein Künstler mit einem Standing wie Olafur Eliasson, Themen wie ökologische Krisen in einer abgeschwächten Form behandelt, sich dann auch der Anspruch des Publikums dahingehend entwickelt. Damit meine ich, dass die Forderung nach einer netten Verarbeitung relevanter Themen verstärkt vom Publikum eingefordert wird. So auf die Art „Man kann das ja auch viel netter verarbeiten, als mit einem Vorschlaghammer“- wie es mir ja immer unterstellt wird. Obwohl ich finde, dass ich es ja schon sehr nett verpacke. Ich benutze freundliche Materialen oder Objekte, die als Träger der Idee fungieren, wie beispielsweise den Kaugummi-Automaten. Wenn man sich dann eben vollständig mit dem Thema beschäftigt, das ich bearbeite, führt dies meist zur Ablehnung beim Publikum - auch physisch. Das finde ich sehr aufschlussreich.

"DIESER WIDERSPRUCH IST FÜR MICH EINE DER HAUPTURSACHEN FÜR UNSERE ÖKOLOGISCHE KRISEN. WIR DENKEN, WIR HANDELN NACHHALTIG IN DEM WAS WIR TUN UND WIE WIR ES TUN, SIND ES ABER EIGENTLICH NICHT."

Es ist unglaublich spannend, dass sich so intensive körperliche Reaktionen des Publikums entwickeln können …


Die Reaktionen füllen wirklich eine ganz Bandbreite von Ablehnung über Beichtstuhlsituationen, bis hin zu körperlich aggressivem Verhalten. Bei meinen Performances, bei denen ich Müll umlagere, wurden wir sogar geschlagen und angespuckt …


Bei den Performances drehst du das Blatt ja sozusagen einmal um … du sammelst den Müll nicht ein sondern verteilst ihn …


Eigentlich lager ich den Müll nur um, denn er war ja vorher schon da. Das passiert in einer so überzeichneten Form, dass in meinen Augen eigentlich niemand auf die Idee kommen kann, dass ich mal eben heimlich versuche meinen Hausmüll loszuwerden. Man könnte sich relativ schnell die Frage stellen, ob da nicht vielleicht eine Bedeutung hinter steckt. Aber irgendwas läuft da ab, dass die Leute sobald sie mich sehen, wie ich den Müll umlagere, in einer vollkommenen rohen und ungefilterten Art auf mich reagieren. Das entspricht gar keiner Logik mehr.

Ich beschäftige mich in meiner Kunst viel mit dem Missverständnis wie Menschen sich selber sehen oder glauben was sie sind und was sie aber dann tatsächlich wirklich tun. Dieser Widerspruch ist für mich eine der Hauptursachen für unsere ökologische Krisen. Wir denken, wir handeln nachhaltig in dem was wir tun und wie wir es tun, sind es aber eigentlich nicht. Und eben dieser Widerspruch wird in der aggressiven Reaktion auf meine Performances sichtbar. Die Menschen denken, dass ihr massives und aggressives Einwirken auf mich richtig ist und ihrer Überzeugung entspricht, gleichzeitig gibt es in ihrem eigentlichen ökologischen Verhalten im Alltag aber noch ganz viel Luft nach oben. Als Begründung für diese Reaktionen sehe ich einerseits auf einer abstrakten Ebene, die doch sehr harsche Kritik an unserem Lifestyle und auf einer plumpen Ebene die Lust des Menschen an Bestrafung.

Nicht ohne Grund habe ich die Performances ab einem bestimmten Zeitpunkt nur noch gemacht in dem ich mich in einer Art "Vehikel" fortbewegt habe, z.B. einer Kutsche, einem Tretbootschwan oder einem Fahrrad. Zu Beginn habe ich die Performances noch zu Fuß durchgeführt. Das mache ich jetzt nur mit einem Trupp an Bodyguards, die im Notfall eingreifen können. Die Aggressionen kochen teilweise so hoch, dass wir sogar Morddrohungen erhalten.

Interessant war auch immer, dass egal wo die Performance stattfand und egal wie sie stattgefunden hat im Nachhall, z.B. in den sozialen Medien immer konsequent behauptet wurde, dass ich den Müll mitgebracht hätte. Wenn ich dann erklärt habe, dass das nicht stimmt und der Müll schon vorher da gewesen ist, wurde behauptet, dass der Müll von Touristen, Ausländern oder von Leuten von Aussen, die durch die Stadt gefahren sind, ist. Niemand wollte eingestehen, dass der Müll schon da war. Ein Eingeständnis habe ich bisher nur einmal erlebt und das war im letzten Oktober. Und ich mache die Performance schon viele viele Jahre.
Foto:
BLOWBACK II, 2015, HC Gabelgaard, VG Bild-Kunst Bonn 2021

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