INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW
INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW
INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW
INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW
INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW
INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW INTERVIEW

FRANCESCA LIVA



DAS ALBERTINA MUSEUM IN WIEN HAT IM BEREICH „SCHÄTZE DER ALBERTINA. KUNSTGESPRÄCHE ZU MEISTERWERKEN“ EIN BARRIEREFREIES ANGEBOT FÜR BLINDE UND SEHSCHWACHE GESCHAFFEN. DAS FORMAT IST IN KOOPERATION MIT DER HILFSGEMEINSCHAFT DER BLINDEN UND SEHSCHWACHEN ÖSTERREICHS ENTSTANDEN UND EINE ABSOLUTE RARITÄT UNTER DEN DERZEIT ANGEBOTENEN DIGITALEN VERMITTLUNGSPROGRAMMEN. WIR FINDEN DAS ANGEBOT VORBILDLICH FÜR ALLE MUSEEN UND WÜNSCHEN UNS, DASS DEM THEMA DIGITALE BARRIEREFREIHEIT VIEL MEHR AUFMERKSAMKEIT GESCHENKT WIRD.

AUS DIESEM GRUND HABEN WIR MIT DER KUNSTVERMITTLERIN FRANCESCA LIVA DARÜBER GESPROCHEN, WIE DAS FORMAT ENTSTANDEN IST, WORAUF ES DABEI ANKOMMT UND WIE SIE DIE ZUKUNFT DER BARRIEREFREIEN DIGITALEN KUNSTVERMITTLUNG BEURTEILT.

EIN GROSSES DANKESCHÖN AUCH AN FRIEDERIKE LASSY-BEELITZ!

ZU DEN DIGITALEN KUNSTVERMITTLUNGSANGEBOTEN GEHT’S HIER ENTLANG: WWW.ALBERTINA.AT/BESUCH/PROGRAMM/SCHAETZE-DER-ALBERTINA-KUNSTGESPRAECHE-ZU-MEISTERWERKEN/

Wo in der Konzeption liegt der Unterschied zu einer „normalen“ Führung?
Auf was wird der Fokus gelegt?


Am wichtigsten ist, dass im Gegensatz zu einem „normalen“ digitalen Rundgang die Kamera bewusst abgeschaltet wird und eher ein „Radio-Gefühl“ entsteht. In diesem Fall spielt es keine Rolle, ob man sich sieht oder nicht, während ich in einer „normalen“ Führung froh bin, mein Gegenüber sehen zu können. Vorausgesetzt, dass nicht alle ihre Kamera abgedreht haben, was auch manchmal vorkommt. Grundsätzlich lebt eine Führung ja von den Reaktionen der BesucherInnen bzw. ZuhörerInnen und es ist schön - wenn man sich schon nicht live vor Ort begegnet, sondern über das Medium Computer zugeschaltet wird - zumindest über die Kamera sehen kann.


Trotz dieser speziellen Ausrichtung des Formats, ist mir aufgefallen, dass es für alle Menschen interessant ist. Ich würde sagen, es ist eine ganz besondere Form der Kunstrezeption.


Genau, es war auch von Anfang an so gedacht, das alle an diesem Format teilnehmen können. Natürlich stehen die Menschen mit einer Sehbehinderung im Vordergrund, es ist extra für sie konzipiert, aber im Endeffekt ist es für jeden toll, der sich für Kunst interessiert und Lust hat sich eine Stunde Zeit zu nehmen und einen Podcast über Kunst zu hören.


Gab es auch vor der Corona Pandemie Führungen für Menschen mit Sehbehinderungen oder ist das Format aktuell entstanden?


Soweit ich weiß, gab es bevor ich 2017 als Kunstvermittlerin in der Albertina angefangen habe, die Möglichkeit sich als KunstvermittlerIn diesbezüglich weiterzubilden. Friederike Lassy-Beelitz hatte dazu spezielle Seminare organisiert und sie hat mir zusammen mit Daniele Marano im Vorfeld zu der Führung auch sehr gute Tipps gegeben. Ich selbst habe vor der Corona Pandemie allerdings keine Führung für Sehbehinderte gegeben. Mir ist es nur einmal passiert, dass ein Kind einer Schulklasse, eine starke Sehschwäche hatte. Dann habe ich einfach im Vorfeld mit der Lehrerin besprochen, dass ich eine ganz normale Führung gebe. Es war dann sehr schön zu sehen, wie mich die anderen MitschülerInnen die ganze Zeit unterstützt haben.
Das digitale Format, das wir jetzt anbieten ist deshalb ganz neu und richtet sich nach den Bedürfnissen sehschwacher Menschen im digitalen Raum.

"WIR VERSTEHEN DIESES ANGEBOT AUCH ALS BARRIEREFREIES ANGEBOT, WEIL MANCHE MENSCHEN, DIE Z.B. IM ROLLSTUHL SITZEN, NICHT SO OFT UND EINFACH DIE MÖGLICHKEIT HABEN, DAS MUSEUM ZU BESUCHEN."

Wird das Format beibehalten?


Ja, alle digitalen Tools werden auch nach Öffnung der Museen zusätzlich zur Option, reale Führungen und Workshops vor Ort buchen zu können, beibehalten. Damit haben wir u.a. die Möglichkeit mehrere Menschen, die nicht unbedingt in Wien wohnen, zu erreichen. Wir verstehen dieses Angebot auch als barrierefreies Angebot, weil manche Menschen, die z.B. im Rollstuhl sitzen, nicht so oft und einfach die Möglichkeit haben, das Museum zu besuchen. Als fixes Angebot, ist es dann allen Menschen möglich, etwas Kunst zu konsumieren.


Wie könnte eine Führung für Sehschwache vor Ort aussehen?


Indem man mehrere Sinne anspricht und gerne würde ich dreidimensionale Modelle in die Führungen miteinbeziehen können. Vor allem, um Körperlichkeit wiedergeben zu können. Wenn man z.B eine Zeichnung hat, auf der zwei nackte Körper in bestimmten Haltungen abgebildet sind, wäre es total super, wenn man diese in 3D reproduzieren könnte. Damit wäre es den sehschwachen oder blinden BesucherInnen möglich, diese Haltungen zu ertasten und anzufassen. In der Peggy Guggenheim Collection in Venedig ist das z.B. schon so. Da dürfen die BesucherInnen unempfindliche Skulpturen oder Plastiken tatsächlich im Original berühren.
Es kann auch sehr spannend sein mit der Akustik der einzelnen Museumsräume zu spielen. Sind die Räume groß, eher klein, gut besucht oder eher ruhig und abgelegen? Das hat dann sehr viel damit zu tun, wie der Besuch und dann letztlich auch die Kunst wahrgenommen wird. Kennen wir ja auch von uns selbst.

"IMMER HEISST ES, DASS SEHSCHWACHE BESUCHERINNEN JA DEN AUDIOGUIDE BENUTZEN KÖNNEN, ABER DIESER IST NIE AUF DIE BEDÜRFNISSE SEHSCHWACHER ODER BLINDER AUSGERICHTET."

Wie ist für dich als Kunstvermittlerin der Unterschied zu einer „normalen“ Führung?


Man konzentriert sich in der Beschreibung der Werke z.B. nicht nur auf die Farbe. In meiner letzten Führung war ein Werk dabei, auf dem ein Granatapfel zu sehen war. Da habe ich die rote Farbe des Granatapfels noch nichtmal erwähnt. Das ist nicht nötig, weil der Granatapfel sowohl feucht als auch klebrig ist und damit der Konsistenz des Blutes ähnelt. Und wenn man die Konsistenz beschreibt, haben blinde Menschen sofort im Kopf was gemeint ist, weil sie eben Farben über den Geschmacks-, Geruchs- und Tastsinn erkennen. Dadurch haben sie sofort Bilder im Kopf.
Es ist ganz wichtig, dass wir Museen, aber auch jegliche kulturelle Institutionen barrierefreier gestalten. Immer heisst es, dass sehschwache BesucherInnen ja den Audioguide benutzen können, aber dieser ist nie auf die Bedürfnisse Sehschwacher oder Blinder ausgerichtet. So hat beispielsweise die Beschreibung, dass der Dürer Hase bräunlich ist, keine Bedeutung mehr. Was soll eine blinde Person damit anfangen? Man muss stattdessen an einem ganz anderem Punkt ansetzen, nämlich das der Dürer Hase ein Feldhase ist, das heisst, vielleicht riecht er nicht so gut, wie ein Kaninchen, dass wir zu Hause halten können. Auch die Haare des Feldhasen sind nicht so weich, er ist nicht kuschelig, sondern hat eher borstiges, fast fettiges Haar. Vielleicht riecht er nach Gras, nach Wald, nach Erde…und so weiter. Erst dann beginnen sich Bilder zu vervollständigen. Wobei es natürlich ja auch noch eklatante Unterschiede gibt zwischen Menschen, die blind zur Welt gekommen sind und Menschen, die im Laufe der Zeit ihre Sehkraft verloren haben. Es ist superspannend, wie blinde Menschen, Farben erfahren. Für dieses Führungsformat habe ich mich auch besonders vorbereitet und mich lange mit einer blinden Person darüber unterhalten, wie es für sie ist, Farben und Bilder wahrzunehmen. Oder ich habe auch einen interessanten Artikel von einer Literaturwissenschaftlerin gelesen, die beschreibt wie ein von Geburt an blindes Mädchen, die Farbe Orange unterschiedlich erfährt: Die Farbe Orange stand für sie immer mit Frische und Frucht in Verbindung. Mit dem schönen Gefühl des Sommers und einem Glas Orangensaft. Bis sie eines Tages mit ihrer Begleiterin in einem Bekleidungsgeschäft einen orangefarbenen Pullover anprobiert und die Begleiterin ihr von dem Kauf abrät, weil das Orange nicht gut zu ihrer Haut- und Haarfarbe passen würde. Das Mädchen war schockiert, weil sie ja ihre Haut- und Haarfarbe gar nicht kannte und nicht einsehen wollte, dass nun jemand anders über ihr Gefühl zu der Farbe urteilt. Ich fand dieses Beispiel total interessant, weil es mir nochmal aufgezeigt hat, wie oberflächlich orientiert wir Sehenden oft sind und demnach auch Entscheidungen treffen.
Wir müssen uns ganz dringend dafür öffnen, dass es ganz viele verschiedene Ebenen der Wahrnehmung gibt. Und diese müssen in den Alltag integriert werden! Sich in unser aller Denken manifestieren. Die Albertina hat mit den digitalen Führungen für Sehschwache und Blinde zumindest in der Wiener Museumslandschaft ein einzigartiges Format geschaffen, das von allen anderen Institutionen gerne übernommen werden darf.
Eine Win-Win Situation für alle!
SUPER-POPP